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Sonja Weber / DE

Von der Tiefe des Augenblicks. Zu den Bildern Sonja Webers

Wellen im Meer, Wasserringe im Springbrunnen, sanfte Wolken und vom Wind zerzaustes Haar. Detailaufnahmen flüchtiger Momente. Festgehalten von Sonja Weber und von ihr transformiert in Kunstwerke, die der Reflexion über den Augenblick einen neuen Raum öffnen. In ihnen vereinen sich raffinierte Herstellungstechnik, formale Klarheit und Poesie zu einer nie gesehenen Einheit.

Auf den ersten Blick verblüffen die Bilder allein durch die Ruhe und Präzision ihrer Motive. Fast meditativ wirken die Meeresbilder, festgehalten sind nur die wellenförmige Bewegung des Wassers und das Spiel von Licht und Schatten auf seiner Oberfläche. Wie sorgsam diese Momente von Sonja Weber ausgewählt, aufgenommen und malerisch inszeniert werden zeigt sich insbesondere an den Bildern, denen Detailaufnahmen vom Wind bewegter Haare zugrunde liegen. Stark vergrößert bilden sie beeindruckende linear-flächige Bildkompositionen, in denen der konkrete Gegenstand als formale Struktur fast bis zur Rätselhaftigkeit verschwindet und doch die Faszination photorealistischer Präzision behält.

Das besonders Verblüffende an den Arbeiten der in München lebenden Künstlerin vollzieht sich im Moment der Annäherung. Während der Betrachter sich dem Bild nähert, verliert sich Schritt für Schritt die Illusion einer Photographie oder einer gekonnten realistischen Malerei. Das Bild löst sich in eine gewebte Struktur auf. Das Motiv ist nicht auf eine Leinwand aufgetragen, vielmehr sind durch die Technik des Webens Bild und Träger untrennbar miteinander verschmolzen. Durch die millionenfachen Kreuzungen verschiedenfarbiger Fäden bekommt es eine Tiefe und eröffnet immer wieder neue Ansichten und Sichtweisen. Je nach Lichteinfall und Standort des Betrachters changieren die Farben, scheint das Licht sich mit den Wellen zu bewegen, scheinen die Wolken über die Leinwand zu ziehen und neue Formationen auszubilden. Die Momentaufnahmen natürlicher Erscheinungen beginnen in der künstlerischen Transformation durch Sonja Weber wieder in Bewegung zu geraten und setzen sich in der Imagination des Betrachters fort.

Sonja Webers Technik ist eine innovative Symbiose von künstlerischer Kreativität und uralter Handwerkstechnik, von Malerei und Photographie. Niemals wird der technische Aspekt jedoch Selbstzweck, das wäre eine Sache des Kunsthandwerks. Sonja Weber entlockt den Motiven und der Technik völlig neue Sicht- und Herangehensweisen. Die Künstlerin lädt dazu ein, die Dinge nicht nur hinzunehmen, flüchtig vorbeizugehen, sondern verführt den Betrachter dazu, seinen Blick auf das scheinbar Einfache zu lenken und dessen Poesie und kulturelle Bedeutung sprechen zu lassen. Die Technik des Webens ist gekonnt für ihre künstlerische Intention eingesetzt: Die Tiefe des Augenblicks und das Bild des Fließens und Übergangs als Metapher des Seins.

Dr. Elisabeth Hartung