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Marina Sailer / BY

Marina Sailer

Ich hatte auf Anhieb einen Draht zu den Gemälden von Marina Sailer, offenbar eine Gleichgestimmtheit, die nur schwer zu erklären ist. Es hat ja ohnehin keinen Zweck, Kunst zu erklären: man fühlt sich von ihr getroffen oder eben nicht. Während meines Studiums der Kunstgeschichte erschienen mir viele meiner Kommilitonen oder Professoren wie Leute, die vor der Mauer eines verwunschenen Parks stehen, damit beschäftigt, die Steine dieser Mauer zu vermessen, ohne auch nur ein einziges Mal einen Blick über sie hinweg in den dahinter liegenden Park zu werfen. Gewiss, es gibt durchaus nützliche Informationen, geeignet, das Verständnis für ein Kunstwerk zu vertiefen: wer war der Künstler, wer sein Auftraggeber, in welcher Zeit ist das Bild entstanden, in welcher Tradition steht es, welche mythologischen Figuren sind darauf abgebildet ... All dies, meine ich, hilft uns allerdings nur oberflächlich. Bei der Betrachtung eines Gemäldes kann Wissen niemals wahres Inter-Esse (wörtlich: Darin-Sein), wirkliche Freude ersetzen. Das gilt ganz besonders für Marinas Bilder, die mir Freude bereiten, weil ich wie sie ein verträumtes, begabtes Kind bin. Und weil ich die Augenblicke wiedererkenne, die sie einfängt, jene Momente oder Epiphanien, in denen die Grenzen unserer Wahrnehmung durchlässig werden, wo sich Erinnerung und Gegenwart vermischen, sich Risse in der vermeintlichen Wirklichkeit auftun und wir Ausblicke auf eine stets gegenwärtige Anderswelt erhaschen.
Da ist ein Wiedererkennen der Vögel und Schmetterlinge, die in Treppenhäusern aus Teppichmustern und kostbaren Stoffen aufzusteigen scheinen, da ist auch die raubtierduftende Wildheit,die uns an der nächsten Wegbiegung überraschen, womöglich verschlucken könnte. Die Übergänge vom Entzückenden zum Befremdlichen und Beängstigenden sind fließend, Marinas bunt gefrorene Momente alles andere als ungefährlich. Dass sie uns solche Momente zu zeigen versteht, muss sie notorischen Träumern unwiderstehlich machen.

Frank T. Zumbach

Frank T. Zumbach studierte in Göttingen Kunstgeschichte, Philosophie und Anglistik und absolvierte in München die Hochschule für Fernsehen und Film. Er lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in der Nähe von München.